Wider den Begriff "US-amerikanisch"

Scot W. Stevenson <scot.stevenson@gmail.com>

Version 3 (6. März 2010)

 

Seitdem ich ein Blog über die USA schreibe, werde ich gefragt, warum ich dort nur "amerikanisch" und nicht "US-amerikanisch" schreibe. Einige Leser gehen sogar weiter und verlangen erbost die Bindestrich-Form. In diesem Text erkläre ich, warum es die nicht geben wird und warum ich der Meinung bin, dass man "US-amerikanisch" überhaupt nicht benutzen sollte.

 

Weil es hier um eine Meinung geht, nämlich meine, steht dieser Text außerhalb des Blogs. Und damit es keine langweilige Argumentationsschrift wird, gibt es Übungen. Der Leser wird viel Whiskey, einen Schreibzugang zur deutschen Wikipedia, eine Fahrkarte nach Berlin und ein Megafon benötigen.

 

Die Macht des Kontextes

Hintergrund des Streits sind die zwei Bedeutungen von "amerikanisch": Geographisch für Nord- und Südamerika als Ganzes und politisch für die USA. Das war schon immer so. Ein Problem war das nie.

 

Seit mehr als 500 Jahren wird der Satz "Kolumbus entdeckte 1492 Amerika" eindeutig nicht auf die USA bezogen. Umgekehrt lächeln Brasilianer über das Zitat "Amerika, das ist die Entwicklung von der Barbarei zur Dekadenz ohne den Umweg über die Kultur" von Georges Clemenceau, denn sie wissen, dass sie damit nicht gemeint sind, egal, was im Karneval passiert. Im Jahr 1939 war allen klar, welche Regierung Joseph Goebbels mit seiner Frage "Was will eigentlich Amerika?" meinte. Bei Goethes "Amerika, du hast es besser" denkt niemand, dass er Honduras gemeint haben könnte. Wenn Osama bin Laden sich in einem Brief an das Volk der USA wendet, um zu erklären, wie Scheiße er ihre Regierung findet, dann nennen das seine Anhänger in ihrer Übersetzung einen Letter to America. Und wenn er von der „Satanic American invention“ von Aids schreibt, sieht niemand darin einen Vorwurf an Kuba, das HI-Virus in einem Biowaffenlabor gezüchtet zu haben.

 

Um den Grund dafür zu verstehen, kehren wir zu dem Ursprung des geschriebenen Wortes zurück, der gesprochenen Sprache. Es ist Zeit für die erste Übung:

 

Übung 1: Benutze bei Deiner nächsten Diskussion mit Freunden über die USA immer und ausschließlich die Formen mit "US-amerikanisch". Sprich also nur von der "US-amerikanische Außenpolitik", dem "US-amerikanischen Präsidenten", den "Afro-US-Amerikanern" und dem "US-amerikanischen Bundesstaat Texas". Jedes Mal, wenn Du das vergisst, musst Du einen Whiskey trinken. Beobachte – versuche zu beobachten – was zuerst passiert, dass Du betrunken unter den Tisch fällst oder Deine genervten Freude Dir Prügel androhen.

 

Warum überlebt das "US-amerikanisch" nicht lange den Kontakt mit der Atemluft? Weil aus dem Kontext klar wird, was mit "amerikanisch" gemeint ist. Die USA haben eine Außenpolitik, die Neue Welt als Ganzes nicht. Die USA haben einen Präsidenten, die Neue Welt nicht. "Afroamerikaner" steht für schwarze US-Bürger, nicht für Schwarzen in der westlichen Hemisphäre allgemein. Jeder weiß, wo "Texas" liegt und zwar nicht in Paraguay.

 

In der gesprochenen Sprache, also in der wirklichen Welt, nicht die künstliche der Zeitungen und Blogs, regelt der Zusammenhang problemlos den Gebrauch von "amerikanisch". Redet man über Politik, ist klar, dass "Amerika" die USA meint, geht es um Erdkunde, bezeichnet "Amerika" die Neue Welt.

 

So einfach ist das.

 

Deswegen spricht die Bundesregierung auch guten Gewissens von den "deutsch-amerikanischen Beziehungen", denn alle wissen, dass es nicht um das Verhältnis der tektonischen Platten geht. Niemand würde behaupten, dass auf Jamaika "amerikanisches Englisch" gesprochen wird. "Afroamerikaner" sind nicht die Schwarzen auf Kuba. Und "Anti-Amerikanismus" ist nicht der Hass auf alle Menschen aus der Neuen Welt.

 

Im Volksmund herrscht nicht die geringste Verwirrung. Die Kurzform "Ami" ist eindeutig auf US-Bürger bezogen. Insbesondere sind mit "Scheiß-Amis" irgendwie nie Mexikaner gemeint, auch wenn man – angeblich – glauben könnte, sie hätten im "mexikanisch-amerikanischen Krieg" gegen alle anderen Staaten der westlichen Halbkugel gekämpft. ¡Caramba!

 

Übung 2: Fahre nach Berlin zum Leipziger Platz. Stelle Dich dort vor die kanadische Botschaft und brülle so laut Du kannst durch ein Megafon "Amis go home!" bis das Wachpersonal Dich abführt. Erkläre später dem Richter, dass Kanadier auch Amerikaner sind. Achte auf seine Reaktion.

 

(Weil wir Mexiko erwähnt haben: Wer "US-amerikanisch" schreibt, muss "Vereinigte Staaten" vermeiden, denn was landläufig als "Mexiko" bekannt ist, heißt mit vollem Namen Los Estados Unidos Mexicanos. Das gibt uns eine Analogie: Der Rufname der "Vereinigten Staaten von Mexiko" (streng genommen der "Vereinigten mexikanischen Staaten") ist "Mexiko", der von den "Vereinigten Staaten von Amerika" entsprechend "Amerika".)

 

Wie überflüssig das zusätzliche "US-" ist, demonstriert Kai Blum in seinem Blog 1000 Kleine Dinge in Amerika mit der Gegenprobe: "Kanada-amerikanisch", "Peru-Amerikaner" oder "Argentinien-amerikanisch" gibt es nicht, die Formen lauten "kanadisch", "Peruaner" und "argentinisch". "US-amerikanisch" ist in einem politischen Zusammenhang schlicht ein Pleonasmus, also einer dieser weißen Pferde, die weiß sind.

 

Die ganze Macht des Kontextes zeigt uns schließlich ein Beispiel, das ein Blog-Leser einschickte:

 

Die Amerikaner waren die ersten Amerikaner auf dem Mond.

 

Der Satz ist natürlich fürchterlich, aber auf wundersame Weise versteht man ihn doch: US-Astronauten waren die ersten Menschen aus der Neuen Welt, die den Mond betreten haben. Das Beispiel ist auch deswegen gut, weil es zeigt, dass "US-Amerikaner" keine Lösung ist: "Die US-Amerikaner waren die ersten Amerikaner auf dem Mond" ist vielleicht etwas schneller zu verstehen, aber immer noch außerirdisch hässlich.

 

 

Andere doppelt belegte Ländernamen

Das Argument mit der Verwechslunggefahr ist auch deswegen kurios, weil es nur für die USA angeführt wird. Denn "Amerika" ist nicht das einzige Beispiel einer Doppelbelegung.

 

Nehmen wir "Südafrika". Damit kann politisch die "Republik Südafrika" (RSA) oder geographisch "der südliche Teil des afrikanischen Kontinents" gemeint sein. Trotzdem schreibt niemand, absolut niemand, "R-südafrikanisch" oder "R-Südafrikaner", selbst nicht linke Tageszeitungen, die das "US-amerikanisch" offenbar zweimal rot unterstrichen auf der ersten Seite ihrer Stilfibel stehen haben. Neslon Mandela war auch für sie immer nur der "Präsident von Südafrika", obwohl er nicht das Staatsoberhaupt von Namibia, Botswana, Madagaskar, Simbabwe, Lesotho, Swasiland, Mosambik, Sambia, Malawi oder Angola war. Die Fußball-WM 2010 fand in „Südafrika“ statt, ohne dass irgendein deutscher Fan aus versehen nach Madagaskar gereist wäre.

 

Übung 3, Teil 1: Ändere in der deutschen Wikipedia den Eintrag zu Südafrika ab, so dass dort überall "R-südafrikanisch" steht. Ersetze "Südafrika" durchgehend mit "RSA". Begründe Dein Vorgehen auf der Diskussionsseite mit den gleichen Argumenten, die sonst für "US-amerikanisch" angeführt werden. Halte die Gegenargumente fest.

 

Übung 3, Teil 2: Gehe zu dem Eintrag über die USA und entferne durchgehend das "US-amerikanisch". Begründe Dein Vorgehen mit den Argumenten der Gegenseite aus der Diskussion über Südafrika und verweise per Link auf sie. Sage niemanden, dass es meine Idee war.

 

Auch in Europa gibt es Doppelbelegungen, denn die "britischen Inseln" umfassen als geographischen Begriff auch Irland. Aber niemand käme auf die Idee, dass mit "Brite" ein Ire gemeint sein könnte, auf jeden Fall niemand, der einen Irish Pub wieder mit intaktem Gebiss verlassen will. Das Beispiel ist sogar wegen der verschiedenen Bedeutungen von "Großbritannien" noch komplizierter, denn nicht alle Menschen wissen, wo "Kleinbritannien" abgeblieben ist. Nicht umsonst gibt es bei der englischen Wikipedia dazu einen ganzen Eintrag. In der Praxis ist "Brite" aber völlig eindeutig, nämlich politisch.

 

Aber Moment. Ein „Ire“ ist man nicht nur, wenn man in der Republik Irland wohnt, sondern auch in Nordirland. Wenn es „US-Amerikaner“ geben soll, dann aber auch bitte „R-Iren“ für die Leute im Süden der Grünen Insel und „N-Iren“ für die im Norden. Man kann noch andere Beispiele finden: Die „Republik Türkei“ zu „Türkei“ zu verkürzen, wäre auch nicht zulässig, weil die Turk-Völker über halb Asien verteilt sind. Das Land müsste „R-Türkei“ und die Bürger „R-Türken“ heißen.

 

Die Formen im Englischen

Wir hatten schon angedeutet, dass die lautesten Forderungen nach "US-amerikanisch" aus der linken Ecke kommen. Hinter dem Begriff steht oft, wenn auch nicht immer, ein gewisses Ideologie. Mir ist mehrfach ins Gesicht gesagt worden, dass die Verwendung von "America" in den USA ein Zeichen von imperialistischer Arroganz sei: Damit werde bewusst oder unbewusst ausgedrückt, so die Behauptung, dass die USA der einzig wichtige Teil der Neuen Welt seien.

 

Ich bin dann immer etwas um eine höfliche Antwort verlegen, denn hier offenbart sich eigentlich nur eins: Mangelhafte Englischkenntnisse.

 

Im Englischen hat "Amerika" einen Plural, the Americas, der für Nord- und Südamerika verwendet wird. So lautet die Spartenüberschrift bei der BBC. Den Deutschen ist dieser Trick noch nicht eingefallen, warum auch immer. Mit "die Amerikas" ließe sich natürlich jede auch nur hypothetische Verwechselung ausschließen.

 

Auch außerhalb der USA sind mit "America" durchgehend die "Vereinigten Staaten von Amerika" gemeint, wie uns noch mal der BBC zeigt, der nicht wirklich in Verdacht steht, übermäßig pro-amerikanisch zu sein. Die britischen Landsleute vom Economist benutzen es auch, ebenso wie die Redakteure bei "The Australian" und der "Times of India".

 

Weiter: Wenn David Bowie This is not America singt, weist er nicht die Zugehörigkeit zu Kanada zurück und „Young Americans“ handelt nicht von Jugendlichen in Uruguay. Die New Model Army beschwert sich in „51. State of America“ nicht über die Abhängigkeit von Chile, die Proclaimers wünschen sich in „Letter from America“ nicht einen Brief aus Argentinien und ELO versucht in „Calling America“ nicht nach Guatemala zu telefonieren. Supertramps „Breakfast in America“ wurde nicht in Mexiko-Stadt serviert. Dass Green Day mit „American Idiot“ nicht Hugo Chavez meint, versteht sich in linken Kreisen vermutlich von selbst.

 

Zu der „imperialistischen Arroganz“

Nach dieser kleinen Nachhilfestunde können wir uns den Vorwurf der imperialistischen Arroganz im Namen genauer anschauen. Was heißt „USA“ eigentlich überhaupt (Hervorhebung hinzugefügt)?

 

The United States of America

 

Und was heißt die Abkürzung nicht?

 

The United States of the Americas

 

Diese zweite Form würde tatsächlich heißen, dass die USA sich alles vom Polarkreis bis Feuerland und am besten noch die Osterinseln dazu für sich beanspruchen. Dann hätten die Kritiker Recht, dieser Text wäre sehr viel kürzer und ich könnte jetzt Civilization IV spielen gehen, um als die Americans unter George Washington die ganze Welt erobern.

 

Aber was wäre bei so einem Namen los! Die Briten (gemeint sind die UK-Briten, nicht die Iren – also, schon die N-Iren, aber nicht die R-Iren) würden seit 1787 noch mehr Hohn und Spott über die USA kippen als sie es schon jetzt tun. Heute würden sie zusammen mit den Staaten der Neuen Welt bei den Vereinten Nationen durchsetzen, dass der Name „USA“ gar nicht benutzt werden darf, wie bei Mazedonien, das formell ja „ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien“ heißt. Im Falle der  USA hätten wir dann so etwas wie (Hervorhebung hinzugefügt):

 

Die ehemaligen spanischen, britischen, französischen, russischen und niederländischen Kolonien der Vereinigten Staaten von Nord- und Südamerika

 

was zur griffigen Abkürzung „ESBFRNKVSNSA“ ergeben würde. Wobei noch der Hinweis auf die mehr als 500 Indianer-Nationen fehlt. Die UN würde bestimmt politisch korrekt auch deren Namen einfügen wollen.

 

Das passiert nicht, denn auch bei der UN in New York spricht man Englisch und weiß, dass die „United States of America“ nichts mit dem ganzen Kontinent zu tun haben. Es ist ein deutsches Problem, dass durch eine schlampige Übersetzung und dem Fehlen eines deutschen Plurals für „Amerika“ entsteht, nicht weil die USA selbst irgendwas für sich in Anspruch nehmen (außer vielleicht Kanada, aber das fällt unter innere Angelegenheiten).

 

[Während wir dabei sind: Man kann argumentieren, dass die Übersetzung „Vereinigte Staaten von Amerika“ ohnehin falsch ist. Mit state ist schließlich nicht „Staat“ im Sinne einer Nation gemeint, sondern „Bundesstaat“. Damit handelt es sich um die „Vereinigten Bundesstaaten von Amerika“, was schon weniger nach einem Machtanspruch auf die gesamte westliche Halbkugel klingt. Wenn konkrete „Staaten“ besprochen werden und nicht der Staat als eine Organisationsform, spricht man eher von country oder nation. Allerdings sahen sich die Kolonien nach der Revolution als unabhängig, daher ist das ein schwaches Argument.]

 

Kurzum: Bei Angelsachsen, ob US-Amis, alle Briten, alle Iren, Kanadier, Australier, Neuseeländer, Inder, Südafrikaner etc., darf man kein Problembewusstsein erwarten, denn für die etwa eine Milliarde Menschen des englischen Sprachraums gibt es Formen wie "U.S.-American" nicht (und wo sie doch auftreten, ist es unfreiwillig komisch). US-Imperialisten sprechen das Wort "America" vielleicht mit einem besonderen Beben in der Stimme aus, aber man erkennt sie eigentlich besser daran, dass sie nach drei Bier der United Fruit Company nachtrauern.

 

"US-amerikanisch" als Blähwort

Nicht jedes "US-amerikanisch" hat einen politischen Hintergrund. Der Begriff hat als Blähwort ein Eigenleben entwickelt. Bei der Frauenfußball-WM im September 2007 meinte der Kommentator von Eurosport bei der Partie USA gegen Nigeria immer von "US-Amerikanerinnen" sprechen zu müssen, auch wenn Afrika seit Millionen von Jahren vom südamerikanischen Festland getrennt ist. Entsprechend sieht man Konstruktionen wie "der US-amerikanische Präsident", wo "der US-Präsident" genügen würde, die "US-amerikanische Hauptstadt", wo die "US-Hauptstadt" angebracht wäre, und viele "US-Amerikaner", die mit "US-Bürger" weniger Platz bräuchten.

 

"US-amerikanisch" ist daher auch schlechter Stil. In gewisser Weise ist diese gedankenlose Anwendung schlimmer als die bewusste, ideologisch motivierte.

 

 

Fazit

"US-amerikanisch" ist eine Lösung für ein Problem, das es nicht gibt. Die Unterscheidung zwischen der politischen und geographischen Bedeutung erfolgt durch den Kontext. In der gesprochenen Sprache taucht es nicht auf. Die Argumente dafür werden nur für die USA angeführt, oft mit einem ideologischen Hintergrund. Der Name United States of America bezieht sich im Englischen nicht auf den ganzen Kontinent. „US-amerikanisch“ kann durch kürzere und einfachere Konstruktionen mit "US-" ersetzt werden.

 

Und deswegen sollte es "US-amerikanisch" gar nicht geben.

 

 

Danksagungen und Kolophon

 

Zahlreiche Leser von USA Erklärt haben Kommentare, Vorschläge und Kritik zu diesem Text eingeschickt, vielen Dank.

 

Dieser Text wurde mit NeoOffice 3.0.2 geschrieben, dem OpenOffice.org-Klon für Mac OS X. Die HTML-Version wurde mit der Export-Funktion erstellt. Ursprünglicher Text geschrieben mit vim und Text Edit.

 

Erste Version 17. Juli 2007

Zweite Version 30. November 2007

Dritte Version 6. März 2010