Wider den Begriff
"US-amerikanisch"
Version 2.0 (1. Dezember
2007)
Seitdem ich ein Blog
über die USA
habe, werde ich gefragt, warum ich dort nur "amerikanisch" und nicht
"US-amerikanisch" schreibe. Einige Leser gehen sogar weiter und
verlangen erbost die Bindestrich-Form. In diesem Text erkläre ich,
warum es die nicht geben wird und warum ich der Meinung bin, dass man
"US-amerikanisch" überhaupt nicht benutzen sollte.
Weil es hier
um eine Meinung geht, nämlich meine, steht dieser Text außerhalb des
Blogs. Und damit es keine langweilige Argumentationsschrift wird, gibt
es Übungen. Der Leser wird viel Whiskey, einen Schreibzugang zur
deutschen Wikipedia, eine Fahrkarte nach Berlin und ein Megafon
benötigen.
Die Macht des Kontextes
Hintergrund
des Streits sind die zwei Bedeutungen von "amerikanisch": Geographisch
für Nord- und Südamerika als Ganzes und politisch für die USA. Das war
schon immer so. Ein Problem war das nie.
Seit mehr als 500
Jahren ist der Satz "Kolumbus entdeckte 1492 Amerika" eindeutig nicht auf
die USA bezogen. Umgekehrt lächeln Brasilianer über das Zitat "Amerika,
das ist die Entwicklung von der Barbarei zur Dekadenz ohne den Umweg
über die Kultur" von Georges Clemenceau, denn sie wissen, dass sie
damit nicht gemeint sind, egal, was im Karneval passiert. Im Jahr 1939
war allen klar, welche Regierung Joseph Goebbels mit seiner Frage "Was
will eigentlich Amerika?" meinte. Bei Goethes "Amerika, du hast es
besser" denkt niemand, dass er Honduras gemeint
haben könnte.
Um
den Grund dafür zu verstehen, kehren wir zu dem Ursprung des
geschriebenen Wortes zurück, der gesprochenen Sprache. Es ist Zeit für
die erste Übung:
Übung 1:
Benutze bei Deiner nächsten Diskussion mit Freunden über die USA immer
und ausschließlich die Formen mit "US-amerikanisch". Sprich also nur
von der "US-amerikanische Außenpolitik", dem "US-amerikanischen
Präsidenten", den "Afro-US-Amerikanern" und dem "US-amerikanischen
Bundesstaat Texas". Jedes Mal, wenn Du das vergisst, musst Du einen
Whiskey trinken. Beobachte - versuche zu
beobachten - was zuerst passiert, dass Du betrunken unter den Tisch
fällst oder Deine genervten Freude Dir Prügel androhen.
Warum
überlebt das "US-amerikanisch" nicht lange den Kontakt mit der
Atemluft? Weil aus dem Kontext klar wird, was mit "amerikanisch"
gemeint ist. Die USA haben eine Außenpolitik, die Neue Welt als Ganzes
nicht. Die USA haben einen Präsidenten, die Neue Welt nicht.
"Afroamerikaner" steht für schwarze US-Bürger, nicht für Schwarzen in
der Neuen Welt allgemein. Jeder weiß, wo "Texas" liegt: Nicht in
Paraguay.
In der gesprochenen Sprache, also in der
wirklichen Welt, nicht die künstliche der Zeitungen und Blogs, regelt
der Zusammenhang problemlos den Gebrauch von "amerikanisch". Redet man
über Politik, ist klar, dass "Amerika" die USA meint, geht es um
Erdkunde, bezeichnet "Amerika" die Neue Welt.
So einfach ist das.
Deswegen spricht die Bundesregierung auch guten Gewissens von
den "deutsch-amerikanischen
Beziehungen",
denn alle wissen, dass es nicht um das Verhältnis der tektonischen
Platten geht. Niemand würde behaupten, dass auf Jamaika "amerikanisches
Englisch" gesprochen wird. "Afroamerikaner" sind nicht die Schwarzen
auf Kuba. Und "Anti-Amerikanismus" ist nicht der Hass auf alle Menschen
aus der Neuen Welt.
Im Volksmund herrscht nicht die geringste
Verwirrung. Die Kurzform "Ami" ist eindeutig auf US-Bürger bezogen.
Insbesondere sind mit "Scheiß-Amis" irgendwie nie Mexikaner gemeint,
auch wenn man - angeblich - glauben könnte, sie hätten im
"mexikanisch-amerikanischen Krieg" gegen alle anderen Staaten der
westlichen Halbkugel gekämpft. ¡Caramba!
Übung 2: Fahre nach
Berlin zum Leipziger Platz. Stelle Dich dort vor die kanadische
Botschaft
und brülle so laut Du kannst durch ein Megafon "Amis go home!"
bis
das Wachpersonal Dich abführt. Erkläre später dem Richter, dass
Kanadier auch Amerikaner sind. Achte auf seine Reaktion.
(Weil
wir Mexiko erwähnt haben: Wer "US-amerikanisch" schreibt, muss
"Vereinigte Staaten" vermeiden, denn was landläufig als "Mexiko"
bekannt ist, heißt mit vollem Namen Los Estados
Unidos Mexicanos.
Das gibt uns eine Analogie: Der Rufname der "Vereinigten Staaten von
Mexiko" (streng genommen der "Vereinigten mexikanischen Staaten") ist
"Mexiko", der von den "Vereinigten Staaten von Amerika" entsprechend
"Amerika".)
Wie überflüssig das zusätzliche "US-" ist, demonstriert Kai Blum in
seinem Blog 1000
Kleine Dinge in Amerika
mit der Gegenprobe: "Kanada-amerikanisch", "Peru-Amerikaner" oder
"Argentinien-amerikanisch" gibt es nicht, die Formen lauten
"kanadisch", "Peruaner" und "argentinisch". "US-amerikanisch" ist in
einem politischen Zusammenhang schlicht ein Pleonasmus, also einer
dieser arg weißen Pferde.
Die ganze Macht des Kontextes zeigt uns schließlich ein Beispiel, das
ein Blog-Leser einschickte:
Die Amerikaner waren die
ersten Amerikaner auf dem Mond.
Der
Satz ist natürlich fürchterlich, aber auf wundersame Weise versteht man
ihn doch: US-Astronauten waren die ersten Menschen aus der Neuen Welt,
die den Mond betreten haben. Das Beispiel ist auch deswegen gut, weil
es zeigt, dass "US-Amerikaner" keine Lösung ist: "Die US-Amerikaner
waren die ersten Amerikaner auf dem Mond" ist vielleicht etwas
schneller zu verstehen, aber immer noch außerirdisch hässlich.
Andere doppelt belegte Ländernamen
Das
Argument mit der Verwechslunggefahr ist auch deswegen kurios, weil es
nur für die USA angeführt wird. Denn "Amerika" ist nicht das einzige
Beispiel einer Doppelbelegung.
Nehmen wir "Südafrika". Damit
kann politisch die "Republik Südafrika" (RSA) oder geographisch "der
südliche Teil des afrikanischen Kontinents" gemeint sein. Trotzdem
schreibt niemand, absolut niemand, "R-südafrikanisch" oder
"R-Südafrikaner", selbst nicht linke Tageszeitungen, die das
"US-amerikanisch" offenbar zweimal rot unterstrichen auf der ersten
Seite ihrer Stilfibel stehen haben. Neslon Mandela war auch für sie
immer nur der "Präsident von Südafrika", obwohl er nicht das
Staatsoberhaupt von Namibia, Botswana, Madagaskar, Simbabwe, Lesotho,
Swasiland, Mosambik, Sambia, Malawi oder Angola war.
Übung 3, Teil 1:
Ändere in der deutschen Wikipedia den Eintrag zu
Südafrika
ab, so dass dort überall "R-südafrikanisch" steht. Ersetze "Südafrika"
durchgehend mit "RSA". Begründe Dein Vorgehen auf der Diskussionsseite
mit den gleichen Argumenten, die sonst für "US-amerikanisch" angeführt
werden. Halte die Gegenargumente fest.
Übung 3, Teil 2:
Gehe zu dem Eintrag
über die USA
und entferne durchgehend das "US-amerikanisch". Begründe Dein Vorgehen
mit den Argumenten der Gegenseite aus der Diskussion über Südafrika und
verweise per Link auf sie. Sage niemanden, dass es meine Idee war.
Auch
in Europa gibt es Doppelbelegungen, denn die "britischen Inseln"
umfassen als geographischen Begriff auch Irland. Aber niemand käme auf
die Idee, dass mit "Brite" ein Ire gemeint sein könnte, auf jeden Fall
niemand, der einen Irish Pub wieder mit intaktem Gebiss verlassen will.
Das Beispiel ist sogar wegen der verschiedenen Bedeutungen von
"Großbritannien" noch komplizierter, denn nicht alle Menschen wissen,
wo "Kleinbritannien" abgeblieben ist. Nicht umsonst gibt es bei
der englischen
Wikipedia dazu einen ganzen Eintrag. In der Praxis ist
"Brite" aber völlig eindeutig, nämlich politisch.
Die Formen im Englischen
Wir
hatten schon angedeutet, dass die lautesten Forderungen nach
"US-amerikanisch" aus der linken Ecke kommen. Hinter dem Begriff steht
oft, wenn auch nicht immer, ein gewisses Ideologie. Mir ist mehrfach
ins Gesicht gesagt worden, dass die Verwendung von "America" in den USA ein Zeichen
von
imperialistischer Arroganz sei: Damit werde bewusst oder unbewusst
ausgedrückt, so die Behauptung, dass die USA der einzig wichtige Teil
der Neuen Welt seien.
Ich bin dann immer etwas um eine höfliche
Antwort verlegen, denn hier offenbart sich eigentlich nur eins:
Mangelnde Englischkenntnisse.
Im Englischen hat "Amerika" einen Plural, the Americas, der
für Nord- und Südamerika verwendet wird. So lautet die Spartenüberschrift
bei der BBC. Den Deutschen ist dieser Trick noch nicht eingefallen,
warum auch immer. Mit "die Amerikas" ließe sich natürlich jede auch nur
hypothetische Verwechselung ausschließen.
Auch außerhalb der USA sind mit "America"
die "Vereinigten Staaten von Amerika" gemeint, wie uns noch mal
der BBC
zeigt, der nicht wirklich in Verdacht steht, übermäßig pro-amerikanisch
zu sein. Die britischen Landesleute vom Economist
benutzen es auch, ebenso wie die Redakteure bei "The
Australian" und der "Times
of India".
Weiter: Wenn David Bowie This
is not America singt, weist er nicht die Zugehörigkeit zu
Kanada zurück und sein Young
Americans handelt nicht von Jugendlichen in Uruguay. Die
New Model Army beschwert sich in 51. State of America
nicht über die Abhängigkeit von Chile, die Proclaimers wünschen sich
in Letter from
America nicht einen Brief aus Argentinien und ELO versucht
in Calling
America nicht nach Guatemala zu telefonieren.
Bei
Angelsachsen darf man daher kein Problembewusstsein erwarten, denn für
die etwa eine Milliarde Menschen ihres Sprachraums gibt es Formen
wie "U.S.-American"
nicht (und wo sie doch auftreten, ist es unfreiwillig
komisch). US-Imperialisten sprechen das Wort "America"
vielleicht mit einem besonderen Beben in der Stimme aus, aber man
erkennt sie eigentlich besser daran, dass sie nach drei Bier der United
Fruit Company nachtrauern.
"US-amerikanisch" als Blähwort
Nicht
jedes "US-amerikanisch" hat einen politischen Hintergrund. Der Begriff
hat als Blähwort ein Eigenleben entwickelt. Bei der Frauenfußball-WM im
September 2007 meinte der Kommentator von Eurosport bei der Partie USA
gegen Nigeria immer von "US-Amerikanerinnen" sprechen zu müssen, auch
wenn Afrika seit Millionen von Jahren vom südamerikanischen Festland
getrennt ist. Entsprechend sieht man Konstruktionen wie "der
US-amerikanische Präsident", wo "der US-Präsident" genügen würde, die
"US-amerikanische Hauptstadt", wo die "US-Hauptstadt" angebracht wäre,
und viele "US-Amerikaner", die mit "US-Bürger" weniger Platz bräuchten.
"US-amerikanisch" ist daher auch schlechter Stil. In gewisser
Weise ist diese gedankenlose Anwendung schlimmer als die bewusste,
ideologisch motivierte.
Fazit
"US-amerikanisch"
ist eine Lösung für ein Problem, das es nicht gibt. Die Unterscheidung
zwischen der politischen und geographischen Bedeutung erfolgt durch den
Kontext. In der gesprochenen Sprache taucht es nicht auf. Die Argumente
dafür werden nur für die USA angeführt, oft mit einem ideologischen
Hintergrund. Es kann durch kürzere und einfachere Konstruktionen mit
"US-" ersetzt werden.
Daher: Weg mit "US-amerikanisch". "Amerikanisch" reicht völlig.
Kolophon
Zahlreiche Leser von USA Erklärt haben Kommentare, Vorschläge und
Kritik zu diesem Text eingeschickt, vielen Dank!
- Erste Version
17. Juli 2007. Text im Blog USA
Erklärt.
- Zweite
Version 1. Dezember 2007. Neue
Argumentationslinie, basierend auf den Kontext. Umwandlung in HTML mit
KompoZer. Veröffentlichung auf der Homepage.